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20. März 2010
 

Sport

 
Doping-Watch

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Claudia Pechstein. Quelle: reuters
Claudia Pechstein

Eisschnelllauf-Doping

Das Berliner Phantom

Claudia Pechstein und kein Ende

von Torsten Haselbauer

Sie war nicht da, lief aber dennoch mit. Claudia Pechstein bestimmte auch in Abwesenheit den Eisschnelllauf-Weltcup in Berlin ohne selbst an den Start zu gehen. Ihr Comeback fiel aus. Der vermeintliche Doping-Fall sorgt weiter für Spekulationen.

 
 
 
 

Die Eismaschine zog ihre Bahnen, aus den Lautsprechern im Sportforum Hohenschönhausen dröhnte laute Popmusik. Rund 1000 Zuschauer waren mal wieder gekommen. Eigentlich sah alles aus wie immer rund um das 400 Meter-Oval in Berlin. Und doch war nichts so wie zuvor.

 

Ausgefallenes Comeback

Ein Wochenende lang traf sich hier die Eisschnelllaufelite dieser Welt. Die Deutschen, die Niederländer, die Chinesen. Weltmeister, Olympiasieger, Weltrekordhalter. Kufenflitzer aus 28 Nationen. Nur eine fehlte bei diesem Saisonauftakt der "Essent ISU World Cup-Serie" in Berlin: Claudia Pechstein.

 

Claudia Pechstein, 37, hatte alles versucht, um an diesem Event im Ostteil der Hauptstadt teilzunehmen. Sie kämpfte dafür vor dem CAS, dem Internationalen Sportgerichtshof- und verlor. Vorerst. Pechstein, zur Erinnerung, ist wegen Dopingverdachtes in erster Instanz für zwei Jahre gesperrt. Ein Urteil, das sich zum ersten Mal auf einen indirekten Dopingnachweis stützt.

 

Offenes Desinteresse

Ursprünglich wollte der CAS, nach einer Anhörung im Oktober, am 5. November sein Votum kundtun. Das hätte für Pechstein gereicht, um an diesem Weltcup in Berlin zu starten. Ein Freispruch vorausgesetzt. Dann, als die Athleten am Mittwoch zum Training in der Eislaufhalle längst ihre Bahnen zogen, kam es raus: Die Entscheidung wird erst in zwei Wochen fallen. Das Comeback fiel aus.

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„Es ist eine Katastrophe. Es herrscht Ratlosigkeit.“

DESG-Präsident Heinze zur CAS-Entscheidung

Claudia Pechstein war also nicht in Berlin am Start und doch so präsent wie kaum eine andere Sportlerin an diesem langen Wochenende. Wie ein Phantom fuhr sie mit. Am Donnerstag gab der Präsident der Deutschen Eislauf- Gemeinschaft (DESG), Gerd Heinze, eine erste Pressekonferenz. "Es ist eine Katastrophe. Es herrscht Ratlosigkeit", sagte der Funktionär zur CAS-Entscheidung.

 

Nibelungentreue des Verbandes

Heinze und sein Verband hatten sich von Anfang an in fester Nibelungentreue an die Seite Pechsteins gestellt. Sie hatten sie sogar auf die vorläufige Starterliste für den Weltcup in Berlin gesetzt (mit den Zusatz: "according CAS decision"). "Weil wir fest daran glaubten, dass sie freigesprochen wird", so der Sportfunktionär. War das etwa verfrüht? Heinze wie seinem Verband wurde nun in Berlin gewahr, wie sich der Wind in Sachen Pechstein gedreht hat.

 

Da gibt es zum Beispiel die niederländischen Eisläufer. Auch sie sollten in Berlin etwas über den Fall Pechstein sagen. Wer nun eine Solidaritäts-Grußbotschaft erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Stattdessen offenes Desinteresse. "Interessiert uns nicht", sagte Ireen Wüst und "Egal" meinte Renate Groenewold. Aus Norwegen meldete sich zudem noch Pechsteins ehemaliger Trainingspartner Havard Bökko zu Wort. Besser, er schoss einen kräftigen Giftpfeil nach Berlin. "Im Training war sie schlecht, im Wettkampf lief sie die Sterne von Himmel. Wir haben uns gefragt, was sie wohl eingenommen hatte", so Bökko über Claudia Pechstein.

 

Notfalls vors Zivilgericht

Ebenso interessant wie aufschlussreich waren auch die Stellungnahmen der deutschen Eisläuferinnen in Berlin. Es gab nämlich keine. "Kein Kommentar", sagte Anni Friesinger, Dauerkonkurrentin von Claudia Pechstein. Manche meinten, es gäbe einen Maulkorb in Sachen Pechstein.

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„Muss jemand beweisen, dass er kein Einbrecher ist, nur weil er ein Brecheisen im Keller liegen hat?“

Claudia Pechstein

Die Deutsche Eislauf-Gemeinschaft hat in Berlin gemerkt, dass der Fall Pechstein wohl komplexer ist, als zunächst erwartet. Zum Beispiel geht es auch um "die Marke" Eisschnelllauf in Deutschland. Ums Geld, Fernsehverträge, um Sponsoren in dieser, man muss es sagen, Randsportart. Frank Dittrich, der in der DESG für Marketing zuständig ist, spekulierte offen über Ausstiegklausen des Hauptsponsors, einer Bank.

 

Sensible Sponsoren

Der Vertrag endet im kommenden Jahr, nach den Olympischen Winterspielen von Vancouver im Februar. "Es ist logisch, dass wir uns dann mit dem Sponsor noch einmal zusammensetzen", erklärte der Marketingexperte schon vor dem Event in Berlin. Dass ein Dopingurteil im Fall Pechstein die Verhandlungsposition der DESG mit potentiellen Geldgebern nicht unbedingt stärkt, das weiß Dittrich genau. Sponsoren im Hochleistungssport reagieren hochsensibel, wenn es um das Thema Doping geht.

 

Falls der Internationale Sportgerichtshof CAS ihre Sperre bestätigen sollte, kündigte Pechstein inzwischen den nächsten Schritt an. "Wenn die Sperre nicht aufgehoben wird, ziehe ich vor ein Zivilgericht. Da bin ich mal gespannt, ob die Umkehr der Beweislast dann immer noch gilt. Muss jemand beweisen, dass er kein Einbrecher ist, nur weil er ein Brecheisen im Keller liegen hat?", erklärte die Berlinerin auf ihrer Homepage. Zudem behauptete sie, es gebe in der ISU-Datenbank mehr als 500 Werte, die außerhalb des Normbereiches bei Retikulozyten lägen. Ein Ende des Fall Pechstein ist also weiterhin nicht in Sicht.